Meile, Wegstunde, Kilometer: Wie Strecken gemessen werden

An einer Landstraße in meiner Gegend stehen noch kleine weiße Steine mit roter Kappe. Die Zahlen darauf sind verblasst, aber man ahnt, dass sie einmal Kilometer gezählt haben. Beim Laufen ertappe ich mich oft dabei, sie mit meiner Uhr zu vergleichen, und meistens stimmen sie nicht ganz überein. Das brachte mich zu der Frage, wie man Strecken früher gemessen hat und wie man es heute tut.

Kleiner weißer Kilometerstein mit roter Kappe am Rand einer Landstraße, verwackelt aufgenommen.
Kleiner weißer Kilometerstein mit roter Kappe am Rand einer Landstraße, verwackelt aufgenommen.

Jedes Land seine Meile

Vor dem 19. Jahrhundert gab es in Mitteleuropa keine einheitlichen Längenmaße. Fast jedes Land, manchmal jede Stadt, hatte eigene Ellen, Fuß, Ruten und Meilen. Die preußische Meile maß rund 7,5 Kilometer, die alte kursächsische Postmeile rund 9 Kilometer, andere Länder hatten wieder eigene Werte. Wer reiste, musste umrechnen oder sich auf Erfahrung verlassen.

Im Alltag war deshalb die Wegstunde wichtig: die Strecke, die man in einer Stunde zu Fuß zurücklegt. Sie war ungenau, aber für jeden verständlich. Auf den sächsischen Postmeilensäulen stehen die Entfernungen bis heute in Stunden. Noch älter ist die römische Meile von tausend Doppelschritten, die auf den Meilensteinen an den Römerstraßen gezählt wurde.

Der Meter kommt

Der Meter entstand während der Französischen Revolution. Er sollte ein Maß für alle Menschen sein, abgeleitet aus der Natur: der zehnmillionste Teil der Strecke vom Nordpol zum Äquator. In den deutschen Ländern setzte er sich nach und nach durch. Der Norddeutsche Bund beschloss 1868 eine neue Maß- und Gewichtsordnung auf metrischer Grundlage, und im Deutschen Reich war das metrische System ab dem 1. Januar 1872 verbindlich. Damit wurden auch die Straßen neu vermessen, und an vielen Chausseen kamen Kilometer- und Hektometersteine hinzu.

Warum 42,195 Kilometer?

Der Marathon in Athen 1896 war rund 40 Kilometer lang, und auch bei den folgenden Spielen schwankte die Distanz. Bei den Olympischen Spielen in London 1908 begann das Rennen am Schloss Windsor und endete im Stadion von Shepherd's Bush vor der königlichen Loge. Diese Strecke maß 26 Meilen und 385 Yards, also 42,195 Kilometer. Oft wird erzählt, der Start sei verlegt worden, damit die königlichen Kinder ihn von ihren Fenstern aus sehen konnten. Ob das stimmt, ist umstritten, sicher ist nur die Länge. Nach einigen weiteren Jahren mit unterschiedlichen Distanzen legte der internationale Leichtathletikverband 1921 die 42,195 Kilometer als offizielle Marathondistanz fest.

Kurz notiert

26 Meilen und 385 Yards klingen krumm, ergeben aber genau die 42,195 Kilometer, die heute auf jeder Marathonmedaille stehen. Wie die ersten Marathonläufe abliefen, steht im Beitrag über die Marathon-Legende.

Wie man eine Laufstrecke heute vermisst

Offizielle Straßenläufe werden nicht mit GPS gemessen, sondern mit einem Fahrrad. Am Vorderrad wird ein Zählwerk befestigt, der sogenannte Jones Counter. Vor und nach der Messung wird das Rad auf einer genau bekannten Strecke kalibriert. Dann fährt ein zertifizierter Vermesser die Strecke ab, und zwar auf der kürzesten möglichen Linie, die ein Läufer nehmen könnte: Kurven werden innen geschnitten, Straßenseiten diagonal gewechselt.

Damit eine Strecke auf keinen Fall zu kurz ist, wird zusätzlich ein Sicherheitszuschlag von einem Promille eingerechnet. Bei einem Marathon sind das etwa 42 Meter. Eine vermessene Marathonstrecke ist also eher ein klein wenig länger als 42,195 Kilometer.

Warum die Uhr mehr anzeigt

Das erklärt auch, warum die Laufuhr nach einem Wettkampf fast immer mehr als die offizielle Distanz anzeigt. Niemand läuft durchgehend auf der Ideallinie. Man weicht anderen aus, läuft außen um Kurven, wechselt zur Verpflegung die Straßenseite. Dazu kommen kleine Ungenauigkeiten des GPS, besonders zwischen hohen Häusern oder unter Bäumen. Ein paar hundert Meter mehr sind deshalb normal.

Auf der Bahn ist es übrigens ähnlich: Die 400 Meter gelten nur auf der Innenbahn, wie ich im Beitrag über die Laufbahn erklärt habe. Und meine alten Kilometersteine an der Landstraße? Sie stammen aus einer Zeit, in der Straßen anders verliefen. Dass sie nicht zur Uhr passen, ist also kein Wunder.

Quellen und zum Weiterlesen

  • Maß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868.
  • World Athletics / AIMS: The Measurement of Road Race Courses (Handbuch zur Streckenvermessung).
  • The Fourth Olympiad. Official Report of the Olympic Games of 1908, London 1909.