Der Lauf nach Athen: Was an der Marathon-Legende stimmt

Jeder, der einmal einen Marathon gelaufen ist oder darüber nachgedacht hat, kennt die Geschichte: Nach der Schlacht bei Marathon läuft ein Bote nach Athen, ruft „Wir haben gesiegt!“ und bricht tot zusammen. Ich habe sie oft gehört, auf Startnummerausgaben, in Laufbüchern, von Freunden. Irgendwann wollte ich wissen, woher sie eigentlich kommt. Das Ergebnis hat mich überrascht: Die älteste Quelle erzählt etwas ganz anderes.

Antike Steinblöcke neben einem staubigen Weg in Griechenland bei grellem Tageslicht.
Antike Steinblöcke neben einem staubigen Weg in Griechenland bei grellem Tageslicht.

Was Herodot berichtet

Die Schlacht bei Marathon fand 490 vor Christus statt. Ein athenisches Heer, unterstützt von Kämpfern aus Plataiai, besiegte an der Küste nordöstlich von Athen ein persisches Landungsheer. Unser wichtigster Zeuge ist der Geschichtsschreiber Herodot, der etwa zwei Generationen später schrieb.

Herodot erzählt tatsächlich von einem Läufer, Pheidippides, in manchen Handschriften auch Philippides. Aber dieser Läufer rennt nicht von Marathon nach Athen. Vor der Schlacht schicken ihn die Athener nach Sparta, um Hilfe zu erbitten. Laut Herodot erreicht er Sparta am Tag nach seinem Aufbruch. Das sind rund 240 Kilometer über Berge und Pässe. Die Spartaner sagen Hilfe zu, wollen aber erst nach dem Vollmond aufbrechen, aus religiösen Gründen. Von einem Siegesboten nach der Schlacht und von einem Tod im Ziel berichtet Herodot nichts.

Herodot erzählt außerdem, dass das athenische Heer nach der Schlacht eilig nach Athen zurückmarschierte, um die Stadt vor einem persischen Angriff von See her zu schützen. Ein Marsch in voller Rüstung, kein Botenlauf.

Die Geschichte vom Siegesboten

Die bekannte Fassung taucht erst viel später auf. Der Schriftsteller Plutarch schreibt im ersten oder frühen zweiten Jahrhundert nach Christus, also gut 500 Jahre nach der Schlacht, von einem Boten, der die Siegesnachricht nach Athen brachte. Er beruft sich dabei auf ältere Autoren und nennt als Namen Thersippos, merkt aber an, dass die meisten Eukles sagen. Der Bote soll in voller Rüstung gelaufen sein, „Freut euch, wir siegen!“ gerufen haben und dann gestorben sein.

Noch etwas später verbindet der Satiriker Lukian die Geschichte mit dem Namen Philippides. In einer kleinen Schrift über Grußformeln lässt er den Läufer mit den Worten „Freut euch, wir siegen“ sterben. Hier verschmelzen der Sparta-Läufer Herodots und der namenlose oder anders benannte Siegesbote zu der Figur, die wir heute kennen.

Kurz gesagt

Herodot: Ein Läufer rennt vor der Schlacht nach Sparta. Plutarch und Lukian, Jahrhunderte später: Ein Bote läuft nach der Schlacht nach Athen und stirbt. Ob es diesen Lauf gab, lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht ausschließen.

Wie aus der Legende ein Wettkampf wurde

Im 19. Jahrhundert wurde die Geschichte populär. Der englische Dichter Robert Browning veröffentlichte 1879 das Gedicht „Pheidippides“, in dem er beide Läufe kombiniert. Als 1896 in Athen die ersten modernen Olympischen Spiele vorbereitet wurden, schlug der französische Sprachwissenschaftler Michel Bréal vor, einen Lauf von Marathon nach Athen ins Programm aufzunehmen. Pierre de Coubertin griff die Idee auf. Wie das erste Rennen ausging, steht im Beitrag über Spyridon Louis.

Die Strecke von Marathon nach Athen war damals etwa 40 Kilometer lang. Die heutigen 42,195 Kilometer haben mit der Antike nichts zu tun, sondern mit einer Strecke in England im Jahr 1908. Wie es dazu kam, habe ich im Text über Meilen und Kilometer erklärt.

Staubiger Feldweg zwischen alten Olivenbäumen in Griechenland in der Mittagssonne.
Staubiger Feldweg zwischen alten Olivenbäumen in Griechenland, schräg und überbelichtet aufgenommen.

Und der Lauf nach Sparta?

Herodots Läufer hat eine eigene moderne Geschichte bekommen. Anfang der 1980er-Jahre wollten britische Offiziere um John Foden prüfen, ob die Strecke von Athen nach Sparta in rund anderthalb Tagen zu Fuß zu schaffen ist. Sie schafften es. Daraus entstand der Spartathlon, ein Ultralauf über etwa 246 Kilometer, der seit 1983 jedes Jahr im September stattfindet. Für die meisten von uns bleibt er ein Gedankenspiel, aber er zeigt, dass Herodots Angabe nicht unmöglich ist.

Warum mir die echte Geschichte besser gefällt

Ich finde die nüchterne Fassung eindrucksvoller als die Legende. Ein Mensch, der über Gebirge läuft, um Hilfe zu holen, und dann zurückkommt, ist für mich die stärkere Geschichte als der dramatische Tod im Ziel. Wer das nächste Mal beim Marathon die Geschichte vom sterbenden Boten hört, darf also freundlich auf Herodot hinweisen.

Quellen und zum Weiterlesen

  • Herodot: Historien, Buch 6, Kapitel 105–106 und 116.
  • Plutarch: De gloria Atheniensium (Moralia 347c).
  • Lukian: Pro lapsu inter salutandum, Kapitel 3.
  • Robert Browning: Pheidippides (1879).