Vor ein paar Jahren stand ich im Panathenäischen Stadion in Athen, dem großen Marmorstadion mitten in der Stadt. Ich war früh morgens dort, bevor die Reisegruppen kamen, und bin, wie so viele, eine kleine Runde auf der Bahn gelaufen. Die Kurven sind eng, die Tribünen steil, und man fragt sich unweigerlich, wie es hier am 10. April 1896 geklungen haben muss, als ein Mann aus dem Vorort Marousi als Erster ins Stadion lief.

Ein neuer Wettbewerb ohne Vorbild
Der Marathonlauf war 1896 eine Erfindung. Die Idee, einen Lauf von Marathon nach Athen ins Programm der ersten modernen Olympischen Spiele aufzunehmen, wird dem französischen Philologen Michel Bréal zugeschrieben. Er knüpfte an die Erzählung vom Boten an, der nach der Schlacht bei Marathon die Siegesnachricht nach Athen gebracht haben soll. Wie viel an dieser Erzählung historisch ist, habe ich in einem eigenen Beitrag über die Marathon-Legende und ihre Quellen aufgeschrieben.
Die Strecke war etwa 40 Kilometer lang, nicht die heute üblichen 42,195 Kilometer. Diese Zahl kam erst später, mit den Spielen in London 1908, ins Spiel. Für die Griechen hatte der Lauf eine besondere Bedeutung: In den anderen Disziplinen hatten vor allem Amerikaner und Deutsche gewonnen, und gerade dieser Wettbewerb, der auf die eigene Geschichte zurückging, sollte nicht auch noch verloren gehen.
Wer war Spyridon Louis?
Spyridon Louis, oft Spyros genannt, stammte aus Marousi, damals ein Dorf nördlich von Athen. Er verdiente sein Geld nach den meisten Darstellungen als Wasserträger: Er transportierte mit Maultier und Fässern Wasser in die Stadt, wo es noch keine zuverlässige Leitung gab. Er war kein bekannter Sportler. In einem griechischen Ausscheidungslauf kurz vor den Spielen hatte er sich für das Rennen qualifiziert, mehr wusste das Publikum kaum über ihn.
Am Start standen 17 Läufer, die meisten von ihnen Griechen. Das Rennen begann am frühen Nachmittag. Lange führten ausländische Läufer, darunter der Franzose Albin Lermusiaux und der Australier Edwin Flack, die beide auf der Bahn bereits erfolgreich gewesen waren. Sie liefen das Tempo zu schnell an und mussten aufgeben. Louis lief gleichmäßiger und übernahm in der zweiten Rennhälfte die Spitze.
Ankunft im Stadion
Als die Nachricht kam, dass ein Grieche führte, soll das Stadion getobt haben. Louis erreichte das Ziel nach 2 Stunden, 58 Minuten und 50 Sekunden. Kronprinz Konstantin und Prinz Georg sollen die letzten Meter neben ihm hergelaufen sein. Auf Platz zwei kam Charilaos Vasilakos, ebenfalls Grieche. Der zunächst drittplatzierte Spyridon Belokas wurde disqualifiziert, weil er einen Teil der Strecke auf einem Wagen zurückgelegt hatte. Dritter wurde dadurch der Ungar Gyula Kellner.
Um den Sieg ranken sich viele Geschichten. Es heißt, Louis habe unterwegs in einem Gasthaus ein Glas Wein getrunken, oder auch, ihm seien nach dem Sieg allerlei Geschenke versprochen worden, vom Haarschnitt bis zu lebenslangen Mahlzeiten. Einige dieser Anekdoten sind gut belegt, andere wurden über die Jahrzehnte ausgeschmückt. Was unterwegs gegessen und getrunken wurde, ist ein eigenes Thema, über das ich in Brot, Wein und Rohei geschrieben habe.
Das Leben nach dem Sieg
Louis lief nach 1896 keine großen Wettkämpfe mehr. Er kehrte in sein Leben zurück, arbeitete später als Landwirt und in anderen Berufen und blieb in Griechenland eine bekannte Figur. Zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurde er als Ehrengast eingeladen, vierzig Jahre nach seinem Lauf. Er starb 1940. Das Olympiastadion in Athen, das für die Spiele 2004 umgebaut wurde, trägt seinen Namen.
Für unterwegs
Wer in Athen ist, kann das Panathenäische Stadion gegen Eintritt besichtigen und eine Runde auf der Bahn drehen. Die Kurven sind so eng, dass man sofort versteht, warum dort keine schnellen Bahnrennen mehr stattfinden. Warum moderne Bahnen anders aussehen, steht im Beitrag über die 400-Meter-Bahn.
Was von ihm bleibt
Mich beeindruckt an der Geschichte weniger der Sieg als die Gelassenheit, mit der Louis danach weiterlebte. Er wurde nicht zum Berufsläufer und tingelte nicht durch Europa. Heute erinnert der griechische Ausdruck „egine Louis“, er wurde zum Louis, an ihn: Man sagt es, wenn jemand sehr schnell verschwindet.
Quellen und zum Weiterlesen
- Offizieller Bericht der Spiele 1896 (Lambros/Politis, Die Olympischen Spiele 776 v. Chr. – 1896 n. Chr., Athen 1896/97).
- Internationales Olympisches Komitee: Ergebnisse Athen 1896, Marathon der Männer.
- David Martin, Roger Gynn: The Olympic Marathon. Human Kinetics, 2000.
