Warum die Bahn 400 Meter misst

Auf dem Sportplatz in meiner Nähe gibt es eine alte rote Bahn, deren Linien an manchen Stellen kaum noch zu sehen sind. Dienstags drehe ich dort meine Runden, und irgendwann fragte ich mich, warum eine Runde eigentlich genau 400 Meter lang ist. Warum nicht 500, oder eine runde Zahl in Fuß? Die Antwort hat mit englischen Meilen, olympischen Improvisationen und einer langen Suche nach Vergleichbarkeit zu tun.

Abgenutzte rote Laufbahn mit weißer Linie und Schuhspitzen am unteren Bildrand.
Abgenutzte rote Laufbahn mit weißer Linie und Schuhspitzen am unteren Bildrand.

Am Anfang war die Viertelmeile

Im 19. Jahrhundert war England das Zentrum des organisierten Laufsports. Gelaufen wurde auf Bahnen aus Gras, Sand oder Asche, und gemessen wurde in Yards und Meilen. Viele Bahnen waren eine Viertelmeile lang, also 440 Yards. Das sind 402,34 Meter, also fast das heutige Maß. Es gab aber auch Bahnen mit einem Drittel einer Meile oder ganz anderen Längen, je nachdem, wie viel Platz zur Verfügung stand.

Olympische Improvisationen

Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit gab es keine einheitliche Bahn. In Athen 1896 lief man im Panathenäischen Stadion auf einer Bahn von 333,33 Metern mit sehr engen Kurven. Wie es dort heute aussieht, habe ich im Beitrag über Spyridon Louis beschrieben. In Paris 1900 fanden die Läufe auf einer 500-Meter-Bahn im Gras eines Parks statt, mit Bäumen in der Nähe der Strecke. St. Louis 1904 hatte eine Bahn von einem Drittel einer Meile, gut 536 Meter, ebenso London 1908.

In Stockholm 1912 war die Bahn knapp 383 Meter lang, in Antwerpen 1920 knapp 390 Meter, in Paris 1924 wieder 500 Meter. Erst bei den Spielen in Amsterdam 1928 wurde auf einer 400-Meter-Bahn gelaufen. Danach setzte sich das Maß durch. Der internationale Leichtathletikverband legte die 400 Meter schließlich als Standard fest, und seitdem werden Rekorde nur auf solchen Bahnen anerkannt.

Alte rotbraune Aschenbahn mit Unkraut und Moos in den Bahnen, dahinter niedrige Betonstufen eines kleinen Stadions.
Alte Aschenbahn mit Unkraut in den Bahnen, im Hintergrund die niedrigen Stufen eines kleinen Stadions.

Warum gerade 400?

Die 400 Meter waren ein Kompromiss. Sie lagen nah an der vertrauten Viertelmeile, passten in das metrische System, das sich in Europa durchgesetzt hatte, und ließen sich gut um ein Fußballfeld herum anlegen. Die Standardbahn besteht aus zwei Geraden von je gut 84 Metern und zwei Halbkreisen mit einem Innenradius von 36,5 Metern. In diesem Oval findet ein Fußball- oder Rasenfeld bequem Platz.

Wichtig ist, wo gemessen wird. Die 400 Meter gelten auf der Messlinie der Innenbahn, 30 Zentimeter neben der Innenkante. In den äußeren Bahnen wird 20 Zentimeter neben der inneren Bahnmarkierung gemessen. Jede Bahn ist 1,22 Meter breit. Wer auf Bahn acht eine Runde läuft, legt deshalb deutlich mehr als 400 Meter zurück, weshalb bei Kurvenrennen gestaffelt gestartet wird.

Von der Asche zum Kunststoff

Bis in die 1960er-Jahre waren die meisten Wettkampfbahnen Aschenbahnen: eine Schicht aus Schlacke oder gebranntem Ton, gewalzt und gepflegt. Sie waren bei Regen weich und bei Trockenheit staubig, und man brauchte Spikes mit langen Dornen. Die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt waren die ersten mit einer Kunststoffbahn. Danach verschwanden die Aschenbahnen nach und nach aus den großen Stadien.

In kleineren Orten gibt es sie noch. Manche sind verwildert, manche werden von Vereinen gepflegt. Eine Runde auf einer alten Aschenbahn fühlt sich ganz anders an: Der Untergrund knirscht, man hinterlässt Spuren, und nach dem Lauf sind die Schuhe rotbraun.

Für die nächste Bahnrunde

Die Startmarkierungen auf der Bahn verraten viel. Die Linien für 100, 200, 400 und 800 Meter, die gestaffelten Startpunkte und die Wechselzonen der Staffeln folgen alle demselben Regelwerk. Wer einmal darauf achtet, liest die Bahn wie eine Karte.

Eine Runde bleibt eine Runde

Für meine Dienstagsrunden spielt es keine Rolle, ob die Bahn exakt 400 Meter hat. Aber ich mag den Gedanken, dass auf meiner verblassten Bahn dieselben Maße gelten wie in jedem Olympiastadion. Warum ein Marathon ausgerechnet 42,195 Kilometer lang ist, ist dagegen eine ganz andere Geschichte. Sie steht im Beitrag über Meilen und Kilometer.

Quellen und zum Weiterlesen

  • World Athletics: Competition and Technical Rules, Regel 14 (Bahn) und Track and Field Facilities Manual.
  • Offizielle Berichte der Olympischen Spiele 1896 bis 1928 (Angaben zu den Stadien).
  • Bill Mallon u. a.: Historical Dictionary of the Olympic Movement.