Im Sommer plane ich meine längeren Runden nach Brunnen. Nicht nach Höhenmetern oder schönen Aussichten, sondern danach, wo ich unterwegs meine Flasche auffüllen kann. Dabei bin ich an Brunnen vorbeigekommen, die seit Jahrhunderten an derselben Stelle stehen. Sie waren die ersten Verpflegungsstationen einer Stadt, lange bevor jemand an Wasserstellen für Läufer dachte.

Ziehbrunnen, Pumpe, Laufbrunnen
Wer heute „Brunnen“ sagt, meint oft ganz verschiedene Dinge. Der Ziehbrunnen ist ein Schacht, aus dem man das Grundwasser mit Eimer und Seil heraufholt. Der Pumpbrunnen fördert das Wasser mit einem Schwengel. Der Laufbrunnen dagegen ist ein Brunnen, aus dem das Wasser ständig fließt, gespeist von einer höher gelegenen Quelle oder einer Leitung. Das Wasser läuft aus einem Rohr in einen Trog und von dort weiter, Tag und Nacht.
Laufbrunnen waren im Mittelalter ein Zeichen von Wohlstand. Eine Stadt, die Quellwasser über Kilometer in hölzernen Rohren heranführen konnte, war gut organisiert. Diese Holzrohre, in manchen Gegenden Deicheln genannt, wurden aus durchbohrten Baumstämmen gefertigt und aneinandergesteckt. In einigen Museen und bei Bauarbeiten in Altstädten tauchen sie bis heute auf.
Der Brunnen als Treffpunkt
Der Brunnen war mehr als eine Wasserstelle. Hier trafen sich Mägde, Knechte und Hausfrauen, hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Es gab Brunnenordnungen, die genau regelten, wer wann schöpfen durfte, dass man keine Wäsche im Trog waschen und kein Vieh daraus trinken lassen durfte. Manche Brunnen hatten deshalb mehrere Becken hintereinander, damit das sauberste Wasser oben blieb und das Vieh erst weiter unten trank.
Viele der prachtvollen Marktbrunnen mit Figuren und Säulen, die man heute in Altstädten sieht, stammen aus der Renaissance oder dem Barock. Die schlichten Dorfbrunnen mit langem Steintrog sind oft jünger, aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, als viele Gemeinden ihre Wasserversorgung neu ordneten.

Woran man einen alten Laufbrunnen erkennt
Ein paar Merkmale helfen beim Einordnen. Alte Tröge sind meist aus einem einzigen Steinblock gehauen oder aus wenigen Platten zusammengesetzt, mit Eisenklammern verbunden. Die Rohre sind aus Messing oder Gusseisen, oft mit kleinen Verzierungen. Auf der Säule finden sich manchmal Jahreszahlen oder Wappen. Ein deutliches Zeichen ist auch der Wasserablauf: Bei einem echten Laufbrunnen fließt immer Wasser, es gibt keinen Knopf und keinen Hahn.
Wichtig unterwegs
Nicht jeder Brunnen liefert Trinkwasser. Viele alte Lauf- und Zierbrunnen werden heute mit Brauchwasser oder im Kreislauf betrieben. Ein Schild „Kein Trinkwasser“ ist ernst zu nehmen. Wo Trinkwasser fließt, steht das in der Regel ausdrücklich dran.
Die Rückkehr der Trinkbrunnen
Mit dem Ausbau zentraler Wasserleitungen ins Haus wurden öffentliche Brunnen im 20. Jahrhundert vielerorts überflüssig. Viele wurden abgestellt oder dienten nur noch als Schmuck. In den letzten Jahren hat sich das geändert. Städte stellen wieder Trinkbrunnen auf, oft schlichte Säulen aus Edelstahl oder Guss, die man per Knopfdruck auslöst. Berlin zum Beispiel hat inzwischen mehrere hundert öffentliche Trinkbrunnen.
Auch rechtlich hat sich etwas getan. Die überarbeitete europäische Trinkwasserrichtlinie von 2020 verlangt von den Mitgliedstaaten, den Zugang zu Trinkwasser im öffentlichen Raum zu verbessern. In Deutschland wurde daraufhin 2023 das Wasserhaushaltsgesetz ergänzt: Die Bereitstellung von Trinkwasser über öffentliche Brunnen gehört seitdem ausdrücklich zur öffentlichen Wasserversorgung, wo es technisch machbar und sinnvoll ist.
Brunnen als Laufziele
Für mich sind Brunnen inzwischen feste Punkte auf vielen Strecken. Ein Brunnen ist ein guter Wendepunkt, ein guter Grund für eine kurze Pause und manchmal ein Anlass, sich mit der Geschichte eines Ortes zu beschäftigen. Viele Städte veröffentlichen Karten ihrer Trinkbrunnen, manche sogar mit den Zeiten, in denen sie in Betrieb sind, denn im Winter werden die meisten abgestellt.
Dass Läufer früher deutlich weniger Wasser zur Verfügung hatten, zeigt der Blick auf die Verpflegung der ersten Marathonläufer. Und wer im Herbst unterwegs ist, wenn die Brunnen schon abgestellt sind, findet vielleicht an einer Streuobstwiese einen Grund für eine Pause.
Quellen und zum Weiterlesen
- Richtlinie (EU) 2020/2184 über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch, Artikel 16 (Zugang zu Wasser).
- Wasserhaushaltsgesetz (WHG), § 50 Absatz 1, in der Fassung von 2023.
- Berliner Wasserbetriebe: Übersicht der öffentlichen Trinkbrunnen.
