Auf einer neuen Runde, ein paar Dörfer weiter, entdeckte ich an einem Feldweg einen grauen Stein mit einem gelben Pfeil. Kein Ortsname, keine Kilometerangabe, nur dieser Pfeil. Ein paar hundert Meter weiter hing an einem Pfosten ein blaues Schild mit einer stilisierten gelben Muschel. Ich war, ohne es zu wissen, auf einem Jakobsweg unterwegs.

Ein Netz, das bis vor die Haustür reicht
Die meisten denken beim Jakobsweg an Nordspanien, an den Camino Francés über die Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Doch im Mittelalter gab es kein einzelnes Wegstück, sondern ein Netz von Routen, die aus ganz Europa nach Santiago führten. Pilger starteten an ihrer eigenen Haustür und schlossen sich unterwegs anderen an. Deshalb verlaufen heute auch durch Deutschland zahlreiche ausgeschilderte Jakobswege, viele davon erst in den letzten Jahrzehnten nach historischen Vorbildern wieder markiert.
Santiago war nicht das einzige Ziel. Rom und Jerusalem waren die großen Pilgerziele, im deutschsprachigen Raum kamen Orte wie Aachen mit seiner Heiligtumsfahrt, Trier oder Einsiedeln in der Schweiz hinzu. Pilgerwege folgten oft alten Handelsstraßen, nicht selten auch Wegen, die schon zur Römerzeit angelegt worden waren.
Die Muschel als Zeichen
Die Jakobsmuschel ist seit dem Mittelalter das Zeichen der Santiago-Pilger. Pilger brachten Muschelschalen von der galicischen Küste mit nach Hause, als Beleg dafür, dass sie am Ziel gewesen waren. Später nähten sie die Muschel an Hut oder Mantel. In Kirchen entlang der Wege findet man Muscheln als Schmuck an Portalen und Figuren des heiligen Jakobus mit Pilgerstab und Muschel.
Das heute verbreitete Schild, eine gelbe, strahlenförmig stilisierte Muschel auf blauem Grund, geht auf die Initiative des Europarats zurück. Der Europarat erklärte die Jakobswege 1987 zur ersten europäischen Kulturroute. Das Zeichen soll an jeder Kreuzung zeigen, wo es weitergeht. Je nach Land und Region zeigt mal der Strahlenfächer, mal der Stiel der Muschel die Richtung an, was Pilger gern verwirrt.
Woher die gelben Pfeile kommen
Die gelben Pfeile sind deutlich jünger. Sie werden Elías Valiña Sampedro zugeschrieben, einem Pfarrer aus O Cebreiro in Galicien, der sich intensiv mit der Geschichte des Weges beschäftigte. In den 1980er-Jahren begann er, den Camino mit gelber Farbe zu markieren. Es heißt, er habe Restbestände aus dem Straßenbau verwendet. Seine Pfeile wurden zum Vorbild für unzählige Freiwillige, und heute findet man sie auf Steinen, Hauswänden und Laternenmasten weit über Spanien hinaus. Der Pfeil auf meinem Feldweg ist vermutlich auch so entstanden: Jemand aus der Gegend hat ihn gemalt, damit niemand an der Kreuzung falsch abbiegt. Ein offizielles Schild ist das nicht, aber es funktioniert.
Beim Laufen finden
Jakobswege sind meist als Wanderwege ausgeschildert und eignen sich gut für längere ruhige Läufe. Die Zeichen stehen an Abzweigungen, oft auch auf der Rückseite, damit man sie in beide Richtungen sieht. Örtliche Jakobusgesellschaften geben Karten und Wegbeschreibungen heraus.
Pilgern und Laufen
Was mich am Pilgern fasziniert, ist die einfache Struktur: Man bewegt sich aus eigener Kraft von einem Ort zum nächsten, Tag für Tag. Pilger legen meist 20 bis 30 Kilometer am Tag zurück. Für die Pilgerurkunde in Santiago, die Compostela, muss man die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt haben. Einige Menschen laufen den Weg inzwischen tatsächlich im Laufschritt, mit leichtem Gepäck und langen Etappen. Für mich ist das eher ein Gedankenspiel. Aber eine Etappe auf dem Jakobsweg in meiner Nähe, mit Bahnfahrt hin und Lauf zurück, steht auf meiner Liste.
Interessant ist auch, wie Pilger früher Entfernungen einschätzten: nicht in Kilometern, sondern in Tagesreisen und Wegstunden. Mehr dazu steht im Beitrag über alte Längenmaße.
Quellen und zum Weiterlesen
- Europarat, Programm der Europäischen Kulturrouten: Jakobswege (seit 1987).
- UNESCO-Welterbeliste: Routes of Santiago de Compostela – Camino Francés and Routes of Northern Spain.
- Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft: Informationen zu Jakobswegen in Deutschland.
