Südlich von Augsburg gibt es Feldwege, die auffallend gerade sind. Sie halten nicht auf ein Dorf zu, machen keinen Bogen um einen Hügel, sondern laufen einfach Kilometer um Kilometer in eine Richtung. Bei einem langen Lauf auf so einem Weg fiel mir ein, dass genau hier, irgendwo, die Via Claudia Augusta verlaufen sein muss: eine der wichtigsten römischen Straßen über die Alpen.

Eine Straße von der Adria zur Donau
Die Via Claudia Augusta verband Oberitalien mit der Provinz Raetien nördlich der Alpen. Sie begann in der Gegend der Adria und des Po, führte durch das Etschtal, über den Reschenpass und den Fernpass, dann durch das Lechtal hinaus nach Augsburg, das römisch Augusta Vindelicum hieß, und weiter bis zur Donau. Der Weg war etwa 350 römische Meilen lang, nach heutigem Maß über 500 Kilometer.
Ihren Namen verdankt die Straße zwei Mitgliedern der Kaiserfamilie. Der Feldherr Drusus eroberte um 15 vor Christus das Alpenvorland und ließ einen ersten Weg über die Pässe anlegen. Sein Sohn, Kaiser Claudius, baute ihn um die Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus zu einer richtigen Fernstraße aus. Das wissen wir sehr genau, weil es zwei Meilensteine gibt, die das in einer Inschrift festhalten: einen aus Rabland bei Meran und einen aus Cesiomaggiore bei Feltre. Auf beiden steht sinngemäß, Claudius habe die Straße befestigt, die sein Vater Drusus nach dem Alpenkrieg geöffnet hatte.
Wie eine Römerstraße aussah
Viele stellen sich Römerstraßen als gepflasterte Steinbahnen vor, wie die Via Appia bei Rom. Nördlich der Alpen sah es meist anders aus. Die Straßen hatten einen aufgeschütteten Unterbau aus Steinen und darüber eine Decke aus verdichtetem Kies. Sie lagen oft auf einem flachen Damm, damit das Wasser ablief, und hatten seitliche Gräben. Pflaster gab es eher in Städten oder an besonders steilen Stellen.
An feuchten Abschnitten, etwa am Fernpass, wurden Knüppel- oder Bohlenwege aus Holz verlegt. Reste davon wurden bei Ausgrabungen im Moor gefunden und konnten mit naturwissenschaftlichen Methoden in die Römerzeit datiert werden. Solche Funde zeigen, wie viel Aufwand in einer Straße steckte, die Truppen, Händler und Post zuverlässig über die Alpen bringen sollte.

Meilensteine: die Vorgänger der Kilometersteine
Entlang der Straßen standen Meilensteine, meist runde Säulen von ein bis zwei Metern Höhe. Sie nannten den Kaiser, der die Straße gebaut oder ausgebessert hatte, und die Entfernung zum nächsten wichtigen Ort, gezählt in römischen Meilen. Eine römische Meile, mille passus, waren tausend Doppelschritte, rund 1,48 Kilometer. Viele Originale stehen heute in Museen. An einigen Orten wurden Nachbildungen aufgestellt, und ab und zu steht noch irgendwo eine alte Steinsäule, deren Inschrift längst verwittert ist. Ganz ähnliche Gedanken stecken übrigens in den viel jüngeren sächsischen Postmeilensäulen.
Beim Laufen erkennen
Römische Trassen verraten sich oft durch auffallend gerade Abschnitte, flache Dämme im Wald, parallele Gräben und Flurnamen wie „Hochstraße“, „Heerstraße“ oder „Steinerne Straße“. Historische Karten und Bodendenkmal-Viewer der Länder zeigen, wo Archäologen Römerstraßen vermuten. Bodendenkmäler bleiben, wie sie sind: nicht graben, nichts mitnehmen.
Die Via Claudia heute
Heute ist die Via Claudia Augusta vor allem als Rad- und Wanderroute bekannt. Sie ist durchgehend ausgeschildert und folgt, so weit es geht, dem antiken Verlauf. An manchen Stellen läuft man tatsächlich auf der alten Trasse, an anderen auf modernen Wegen daneben. Für eine Laufrunde reicht natürlich ein kurzes Stück. Aber es ist ein besonderes Gefühl, einen Abschnitt zu laufen, auf dem vor fast zweitausend Jahren Legionäre marschierten und Händler ihre Karren zogen.
Später wurden viele Römerstraßen von Pilgern und Kaufleuten weiter genutzt. Wer mag, liest dazu den Beitrag über Pilgerwege und ihre Zeichen.
Quellen und zum Weiterlesen
- Corpus Inscriptionum Latinarum, Band V, Nr. 8002 und 8003 (Meilensteine von Rabland und Cesiomaggiore).
- Gerald Grabherr: Die Via Claudia Augusta in Nordtirol. Innsbruck 2006.
- Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Bayerischer Denkmal-Atlas (Bodendenkmäler, Römerstraßen).
