Die Postmeilensäulen: Kilometersteine, bevor es Kilometer gab

Wer in Sachsen oder Thüringen über Landstraßen und alte Ortsdurchfahrten läuft, begegnet ihnen früher oder später: hellen Steinsäulen mit Wappen, Krone und Ortsnamen. Darauf stehen keine Kilometer, sondern Stunden. Ich habe meine erste beim Laufen fast übersehen, weil sie im hohen Gras neben einer Bundesstraße stand. Seitdem halte ich auf jeder Runde in der Gegend Ausschau.

Verwitterte Postmeilensäule aus Sandstein am grasbewachsenen Rand einer Landstraße.
Verwitterte Postmeilensäule aus Sandstein am grasbewachsenen Rand einer Landstraße.

Ein Land wird vermessen

Die Säulen gehen auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, bekannt als August der Starke, wollte wissen, wie weit es von Ort zu Ort tatsächlich ist, denn danach richteten sich die Postgebühren und die Reisezeiten. Mit der Landesvermessung beauftragte er den Pfarrer und Kartografen Adam Friedrich Zürner. Zürner fuhr mit einem Messwagen durch das Land, an dem ein Zählwerk die Umdrehungen der Räder festhielt. Aus seinen Ergebnissen entstanden Karten und ab etwa 1721 ein Netz von Säulen, das Reisenden die Entfernung anzeigte.

Eine Stunde als Längenmaß

Gemessen wurde in Meilen und in Wegstunden. Die kursächsische Postmeile entsprach rund 9 Kilometern und wurde in zwei Wegstunden geteilt. Eine Wegstunde war also gut viereinhalb Kilometer lang, die Strecke, die man zu Fuß in etwa einer Stunde zurücklegt. Für Läufer ist das ein vertrautes Gefühl: Die alte Einheit beschreibt im Grunde ein gemütliches Wandertempo, und eine Wegstunde ist für viele eine lockere Runde.

Auf den großen Säulen am Ortseingang oder auf dem Marktplatz stehen deshalb lange Listen: Ortsnamen und dahinter die Zahl der Stunden, manchmal mit Bruchteilen. Wer sie liest, bekommt eine Karte im Kopf, wie sie Reisende vor dreihundert Jahren hatten. Wie unterschiedlich solche Maße in den deutschen Ländern waren, habe ich im Beitrag über Meilen, Wegstunden und Kilometer zusammengetragen.

Vier Formen, ein System

Die prächtigsten Säulen, die Distanzsäulen, standen in den Städten, meist vor den Toren oder auf dem Markt. Draußen an der Straße folgten in regelmäßigen Abständen kleinere Steine: eine Ganzmeilensäule an jeder ganzen Meile, eine schlankere Halbmeilensäule an jeder halben, dazwischen niedrige Viertelmeilensteine. Die kleinen Steine tragen oft nur eine Nummer, ein Posthorn und das Monogramm „AR“ für Augustus Rex, denn August der Starke war zugleich König von Polen.

Niedriger Viertelmeilenstein im hohen Gras am Feldrand, von oben fotografiert.
Niedriger Viertelmeilenstein im hohen Gras am Feldrand, von oben fotografiert.

Viele Säulen gingen im Lauf der Zeit verloren: umgefahren, als Baumaterial verwendet oder beim Straßenausbau beiseitegeräumt. Im 19. Jahrhundert kamen neue Maße, zuerst eine kürzere sächsische Meile, später das metrische System, und die Säulen verloren ihre Funktion. Seit einigen Jahrzehnten kümmern sich Heimatvereine, Denkmalpfleger und eine eigene Forschungsgruppe darum, dass Bruchstücke wieder aufgestellt und fehlende Säulen nachgebildet werden. Ob eine Säule original oder neu ist, verrät oft schon die Oberfläche: Der alte Sandstein ist verwittert und dunkel, die Kopien wirken glatt.

Beim Laufen finden

Die Säulen stehen fast immer an Straßen, die schon im 18. Jahrhundert wichtig waren. Alte Poststraßen verlaufen heute oft parallel zur Bundesstraße, als Feldweg oder Radweg. Wer einen Viertelmeilenstein entdeckt, kann auf der weiteren Strecke nach dem nächsten Ausschau halten. Nach gut zwei Kilometern sollte der nächste kommen, wenn er erhalten ist.

Distanzsäule auf einem gepflasterten Kleinstadtplatz, dahinter unscharfe geparkte Autos und alte Häuser.
Distanzsäule auf einem gepflasterten Kleinstadtplatz, dahinter unscharfe geparkte Autos und alte Häuser.

Was die Säulen über das Reisen erzählen

Die Zahlen auf den Säulen sagen viel über den Alltag von damals. Eine Reise von Leipzig nach Dresden dauerte mit der Postkutsche einen ganzen Tag oder länger. Jede Station bedeutete Pferdewechsel, Rast und Gebühren. Die Steine am Straßenrand waren damit zugleich Wegweiser, Preisliste und Uhr. Die Idee selbst war nicht neu: Schon die Römer stellten an ihren Fernstraßen Meilensteine auf, wie ich im Beitrag über die Via Claudia Augusta beschrieben habe.

Heute laufen viele an den Säulen vorbei, ohne sie zu bemerken. Dabei lohnt ein kurzer Halt: Die Inschrift ist ein kleines Stück Landesgeschichte, und die nächste Wegstunde ist für Läufer kaum mehr als eine lockere Runde. Wer dagegen im Wald auf einen kleinen Stein mit einer Kerbe stößt, hat wahrscheinlich keinen Meilenstein, sondern einen Grenzstein gefunden.

Quellen und zum Weiterlesen

  • Landesamt für Denkmalpflege Sachsen: Kursächsische Postmeilensäulen als Kulturdenkmale.
  • Veröffentlichungen der Forschungsgruppe Kursächsische Postmeilensäulen.
  • Regionalmuseen und Heimatvereine entlang der alten Poststraßen.