Grenzsteine im Wald: Wer hier was markiert hat

Auf meiner Waldrunde gibt es eine Stelle, an der der Pfad einen kleinen Knick macht. Genau dort steht ein Stein, kaum kniehoch, grün vom Moos, oben mit einer feinen Rille. Jahrelang bin ich daran vorbeigelaufen. Erst als ich an einem nassen Herbsttag langsamer wurde, fiel mir auf, dass dieser Stein nicht zufällig dort liegt. Er markiert eine Grenze.

Kleiner bemooster Grenzstein neben einem schmalen Waldpfad mit Buchenlaub, unten die Spitzen der Laufschuhe.
Ein Grenzstein am Pfad, halb im Laub. Die Kerbe auf dem Kopf zeigt, wohin die Grenze weiterläuft.

Was ein Grenzstein markiert

Grenzsteine trennen Flächen, die verschiedenen Eigentümern oder Herrschaften gehören. Im Wald sind das oft alte Grenzen zwischen Gemeinden, zwischen Staatswald und Privatwald oder zwischen früheren Herrschaftsgebieten. Manche Steine sind mehrere hundert Jahre alt und tragen Wappen oder Initialen von Klöstern, Grafen oder Städten. Andere sind schlicht und stammen aus der Zeit, als die Flurstücke im 19. Jahrhundert neu vermessen wurden.

Typisch ist eine Linie oder Kerbe auf dem Kopf des Steins. Sie heißt in vielen Gegenden „Weisung“ und zeigt die Richtung, in der die Grenze zum nächsten Stein weiterläuft. Wer das einmal weiß, kann im Wald einer Grenze folgen wie einer Perlenschnur. Oft verläuft daneben ein kleiner Graben oder ein Wall, manchmal auch nur eine Reihe älterer Bäume.

Die Zeichen lesen

Auf den Seitenflächen finden sich häufig Buchstaben, Jahreszahlen oder Nummern. Die Buchstaben stehen meist für die Gemarkungen oder Besitzer auf der jeweiligen Seite, die Nummer für die Position in einer Reihe. Bei Landesgrenzen sind es nicht selten Kürzel der Staaten, die hier aneinanderstießen und die es heute zum Teil gar nicht mehr gibt. Ein Stein am Waldrand kann so von einer Grenze erzählen, die seit zweihundert Jahren keine Rolle mehr spielt, aber nie entfernt wurde.

Ich mache mittlerweile von solchen Steinen ein schnelles Foto und schaue zu Hause in alte Karten. Die historischen Messtischblätter und viele Landesportale zeigen die alten Grenzverläufe. Das ist eine schöne Beschäftigung für Regentage.

Die Feldgeschworenen und ihre Geheimzeichen

In Bayern und einigen anderen Ländern gibt es bis heute ein Ehrenamt, das mit Grenzsteinen zu tun hat: die Feldgeschworenen, in Franken auch „Siebener“ genannt. Sie wirken bei der Abmarkung von Grundstücken mit und setzen gemeinsam mit dem Vermessungsamt Grenzzeichen. Früher legten sie unter die Steine kleine, nur ihnen bekannte Zeichen, etwa Scherben oder geformte Tonstücke, sogenannte Zeugen. Wurde ein Stein versetzt, konnte man so nachweisen, wo er ursprünglich stand. Wie die Zeichen genau aussahen, wurde innerhalb der Gemeinschaft weitergegeben und nicht verraten.

Auch aus vielen Dörfern sind Grenzumgänge überliefert: Einmal im Jahr oder in größeren Abständen lief die Gemeinde die Grenze ab und kontrollierte jeden Stein. Es heißt, dass man Kinder an manchen Steinen kräftig am Ohr zog, damit sie sich den Ort ein Leben lang merkten. Ob das überall so war, lässt sich schwer sagen, aber die Erzählung taucht in vielen Gegenden auf. Manche Orte pflegen den Grenzgang noch heute als Fest.

Warum man sie stehen lässt

Ein Grenzstein ist kein Souvenir. Wer einen Grenzstein entfernt oder versetzt, macht sich nach § 274 des Strafgesetzbuchs strafbar, denn Grenzzeichen gelten rechtlich als besonders geschützt. Viele alte Steine stehen zudem unter Denkmalschutz. Das gilt auch, wenn der Stein schief steht oder halb im Boden versunken ist. Wer beim Laufen einen umgekippten Stein findet, kann das dem Vermessungsamt oder der Gemeinde melden, die wissen, was zu tun ist.

Beim Laufen finden

Grenzsteine stehen gern dort, wo der Weg einen Knick macht, wo ein Graben parallel zum Pfad verläuft oder wo zwei unterschiedlich alte Waldstücke aneinanderstoßen. Im Herbst, wenn das Laub noch nicht ganz liegt, sieht man sie am besten.

Eine Grenze als Laufstrecke

Seit ich weiß, wie die Weisung funktioniert, laufe ich manchmal eine Grenze ab, soweit Wege das erlauben. Querfeldein durch den Wald geht es natürlich nicht, und in Schonungen oder Schutzgebieten bleibt man auf dem Weg. Aber oft begleitet ein Forstweg die alte Linie über Kilometer. Man läuft dann eine Strecke, die Menschen vor langer Zeit mit Messkette und Augenmaß festgelegt haben, und die bis heute irgendwo in einem Grundbuch steht.

Ähnlich geht es mir mit Steinen an alten Landstraßen, die keine Grenzen markieren, sondern Entfernungen. Über diese steinernen Säulen mit Stundenangaben habe ich später noch einen eigenen Beitrag geschrieben. Und wer wissen möchte, wie man früher überhaupt Längen gemessen hat, findet etwas dazu im Text über Meilen, Wegstunden und Kilometer.

Quellen und zum Weiterlesen

  • Strafgesetzbuch (StGB), § 274 Urkundenunterdrückung; Veränderung einer Grenzbezeichnung.
  • Bayerisches Abmarkungsgesetz und Informationen der Bayerischen Vermessungsverwaltung zu den Feldgeschworenen.
  • Landesämter für Denkmalpflege: Hinweise zu historischen Grenzsteinen als Kleindenkmale.