Nach einem langen Lauf sitze ich gern noch fünf Minuten auf einer Bank, esse ein Stück Brot und schaue auf den Weg, den ich gekommen bin. Bei so einer Pause fragte ich mich einmal, was eigentlich die Läufer der ersten Marathonrennen unterwegs zu sich nahmen. Die Antwort führte mich in alte Zeitungsberichte und offizielle Berichte der frühen Olympischen Spiele, und sie ist teils kurios, teils erschreckend.
Vorweg: Dies ist ein Blick in die Geschichte. Nichts davon ist als Empfehlung gemeint.

Athen 1896: Wein am Wegesrand
Über den ersten olympischen Marathon 1896 gibt es nur wenige verlässliche Angaben zur Verpflegung. Es gab keine organisierten Stationen im heutigen Sinn. Zuschauer und Dorfbewohner reichten den Läufern, was sie hatten: Wasser, Milch, Wein, manchmal Orangen. Von Spyridon Louis, dem Sieger, wird erzählt, er habe in einem Gasthaus unterwegs ein Glas Wein getrunken und sei danach munter weitergelaufen. Ob das genau so war, lässt sich nicht mehr prüfen. Die Geschichte passt aber zu einer Zeit, in der Wein als Stärkung galt und sauberes Wasser auf dem Land nicht selbstverständlich war. Mehr über ihn steht im Beitrag über den Wasserträger aus Marousi.
St. Louis 1904: Der seltsamste Marathon
Der Marathon bei den Spielen 1904 in St. Louis gilt als eines der chaotischsten Rennen der olympischen Geschichte. Es war heiß, die Strecke führte über staubige Landstraßen, und Begleitfahrzeuge wirbelten Staub auf. Wasser gab es offenbar nur an sehr wenigen Stellen. Der Organisator James E. Sullivan soll die Wasserstellen bewusst knapp gehalten haben, um zu beobachten, wie die Läufer mit wenig Flüssigkeit zurechtkommen.
Der spätere Sieger Thomas Hicks wurde von seinen Betreuern unterwegs mit einer Mischung aus Strychnin, rohem Eiweiß und Brandy versorgt. Strychnin war damals in kleinen Mengen als vermeintliches Anregungsmittel im Umlauf, ist aber ein Gift. Hicks brach nach dem Zieleinlauf zusammen und brauchte Hilfe. Der kubanische Teilnehmer Andarín Carvajal wiederum soll unterwegs Äpfel aus einem Obstgarten gegessen haben, die nicht mehr frisch waren, worauf er Bauchkrämpfe bekam, eine Pause im Gras machte und trotzdem noch Vierter wurde.
London 1908: Brühe, Reispudding und Eau de Cologne
Für die Spiele 1908 in London ist die Verpflegung erstaunlich gut dokumentiert. Ein Hersteller von Rindfleischextrakt war offizieller Lieferant und stellte entlang der Strecke Stationen auf. In zeitgenössischen Berichten über das Rennen werden unter anderem heiße und kalte Brühe, Reispudding, Rosinen, Bananen, Sodawasser und Milch genannt. Dazu kamen Schwämme mit Wasser und Eau de Cologne zum Erfrischen. Einige Läufer hatten eigene Betreuer auf Fahrrädern dabei, die ihnen nach eigenem Gutdünken etwas reichten.
Berühmt wurde das Rennen durch Dorando Pietri, der im Stadion mehrfach stürzte und von Helfern über die Ziellinie gestützt wurde. Er wurde deshalb disqualifiziert. Was er unterwegs zu sich genommen hatte, wurde danach viel diskutiert, mit widersprüchlichen Angaben.

Warum rohe Eier und Alkohol?
Aus heutiger Sicht wirkt diese Liste absurd. Damals waren die Vorstellungen vom Körper beim Ausdauersport andere. Man wusste wenig darüber, was bei einem stundenlangen Lauf im Körper passiert. Wein und Brandy galten als Stärkung für Herz und Nerven, rohe Eier als konzentrierte Nahrung, die man im Laufen schlucken konnte, ohne zu kauen. Viel Trinken galt bei manchen Trainern eher als schädlich, weil es angeblich schwer mache. Die Empfehlungen änderten sich über die Jahrzehnte immer wieder, oft ohne dass es dafür verlässliche Untersuchungen gab.
Die Geschichte der Verpflegung ist deshalb vor allem eine Geschichte von Gewohnheiten, Moden und Mutproben. Wer sie liest, merkt, wie viel heute selbstverständlich geworden ist: Wasserstellen in regelmäßigen Abständen, ausgeschilderte Becher, Sanitätsdienste an der Strecke.
Am Rand notiert
In dieser Rubrik geht es um die Geschichte des Essens unterwegs, nicht um Ernährungspläne. Wer Fragen zur eigenen Verpflegung hat, ist bei Fachleuten besser aufgehoben als in einem Geschichtsblog.
Was ich daraus mitnehme
Ich esse nach dem Laufen weiterhin gern mein Brot auf der Bank. Unterwegs habe ich meist nur Wasser dabei, und an heißen Tagen suche ich mir eine Runde, an der ein Trinkbrunnen liegt. Die Läufer von 1904 hätten sich darüber vermutlich gefreut.
Quellen und zum Weiterlesen
- The Fourth Olympiad. Official Report of the Olympic Games of 1908, London 1909 (Abschnitt zum Marathon und zur Verpflegung).
- Charles J. P. Lucas: The Olympic Games 1904. St. Louis 1905.
- David Martin, Roger Gynn: The Olympic Marathon. Human Kinetics, 2000.
