Im Oktober verschiebt sich meine Feierabendrunde langsam in die Dunkelheit. Wo im Sommer noch die Sonne stand, laufe ich jetzt von Laterne zu Laterne. In einem älteren Wohnviertel in meiner Nähe brennen einige davon noch mit Gas. Man erkennt sie an ihrem warmen, etwas unruhigen Licht und an der Form: ein schmiedeeiserner Mast, oben ein Glaskasten mit Dach. Diese Laternen haben mich neugierig gemacht.

Bevor es Licht gab
Bis ins 17. Jahrhundert waren die Straßen der meisten Städte nachts dunkel. Wer unterwegs war, trug eine eigene Laterne oder ließ sich von einem Fackelträger begleiten. Dann begannen größere Städte, Öllaternen an Häusern oder an Seilen über der Straße aufzuhängen. Sie gaben wenig Licht, rußten und mussten jeden Abend angezündet und morgens gelöscht werden. Trotzdem galt eine beleuchtete Straße als Fortschritt, vor allem für die Sicherheit.
Das Gas kommt
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam die Gasbeleuchtung auf. Aus Steinkohle gewann man in Gaswerken ein brennbares Gas, das durch Rohre zu den Laternen geleitet wurde. London machte den Anfang, mit ersten Vorführungen im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts und bald darauf mit beleuchteten Straßen. In Deutschland folgten Mitte der 1820er-Jahre Hannover und Berlin, wo zuerst Unter den Linden mit Gas beleuchtet wurde. In den folgenden Jahrzehnten bekamen fast alle größeren Städte ein Gaswerk.
Die ersten Gaslaternen brannten mit offener Flamme. Erst die Erfindung des Glühstrumpfs durch den österreichischen Chemiker Carl Auer von Welsbach in den 1880er- und 1890er-Jahren machte das Licht hell und gleichmäßig. Der Glühstrumpf ist ein feines Gewebe, das in der Gasflamme zu leuchten beginnt. Er wird bis heute in Gaslaternen verwendet.
Die Laternenanzünder
Lange Zeit musste jede Laterne einzeln angezündet werden. Das übernahmen Laternenanzünder, die abends mit einer langen Stange durch ihr Viertel gingen, die Gashähne öffneten und die Flamme entzündeten. Morgens drehten sie die Laternen wieder ab. Der Beruf war in vielen Städten bekannt und taucht in Liedern und Kinderbüchern auf. In Nächten mit hellem Mondschein blieben manche Laternen übrigens aus, um Gas zu sparen: Es gab eigene Brennkalender, die festlegten, wann sich das Anzünden lohnte. Später ersetzten Uhrwerke und Dämmerungsschalter diese Arbeit, und die Laternen zündeten sich mithilfe einer kleinen, dauernd brennenden Zündflamme selbst an.
Beim Laufen erkennen
Gaslaternen erkennt man am warmen, leicht gelblichen Licht, das ein wenig flackert, und oft an einem leisen Rauschen, wenn man nah daran vorbeiläuft. Im Glaskasten sieht man die weißen Glühstrümpfe. Elektrische Nachbauten sehen ähnlich aus, leuchten aber ruhiger und weißer.
Warum sie verschwinden
Mit der Elektrifizierung wurde das Gaslicht seit dem frühen 20. Jahrhundert nach und nach verdrängt. In einigen Städten blieben Gaslaternen trotzdem in großer Zahl erhalten, vor allem in Berlin und Düsseldorf. Berlin besaß lange einen erheblichen Teil aller noch betriebenen Gaslaternen weltweit, nach verschiedenen Angaben mehrere Zehntausend.
Seit einigen Jahren werden viele davon auf elektrisches Licht umgerüstet. Die Begründung sind Kosten, Wartung und der Energieverbrauch. Auf der anderen Seite stehen Initiativen, die das Gaslicht als Teil des Stadtbildes erhalten möchten, und manche Laternen stehen unter Denkmalschutz. In vielen Straßen sind die alten Masten erhalten geblieben, tragen aber oben moderne Leuchten in alter Form.

Laufen im Laternenlicht
Für mich sind die Laternen im Herbst so etwas wie die Brunnen im Sommer: Fixpunkte, nach denen ich meine Runde plane. Gut beleuchtete Straßen sind angenehmer, und unter den alten Gaslaternen hat das Laufen fast etwas Feierliches. Wenn mir das Licht zu knapp wird, weiche ich auf die beleuchtete Bahn auf dem Sportplatz aus, über die ich im Beitrag Warum die Bahn 400 Meter misst geschrieben habe.
Quellen und zum Weiterlesen
- Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin: Sammlung und Freilichtausstellung historischer Gaslaternen.
- Senatsverwaltung Berlin: Informationen zur Umrüstung der Gasbeleuchtung.
- Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. München 1983.
